Familie – das Kostbarste im Leben
Der in Bielefeldt beheimatete Peter Salich führte über viele Jahre hinweg ein zufriedenes und sorgenfreies Leben. Damals im Jahre 2002 arbeitete er als Monteur bei einer Aufzugsfirma und war bei Kunden und Kollegen wegen seiner ausgeglichenen und freundlichen Art sehr beliebt. Eines Tages bekam er plötzlich auf der linken Brustseite Schmerzen und vermutete Herzprobleme. Er ging sofort zu seinem Arzt, doch die Diagnose lautete Lungenkrebs. Der Zufallsbefund traf den sportlichen Westfalen wie der Blitz. Wenige Tage später entfernte man ihm den linken Lungenflügel vollständig.
Im Interview erfahren wir, wie er lernen musste, sich die Atemluft einzuteilen und was ihn in dieser schweren Zeit am meisten unterstützt hat. Denn vor 24 Jahren gab es keine Unterstützungsangebote in seiner Region und so sieht Peter die Hilfe und Umsorgung seiner Frau und Tochter als großes Geschenk an.
Mittlerweile ist Peter in der regionalen Selbsthilfegruppe Lungenkrebs e.V. organisiert und steht Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite. Er sagt:
Männer haben immer noch Probleme über Krankheiten zu reden!
Mit seiner herzlichen und zugewandten Art fällt es jedoch sehr leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, sich zu öffnen und sich ihm mit persönlichen Gedanken, Fragen oder auch Ängsten anzuvertrauen. Der CancerSurvivor möchte anderen Mut machen und zeigen, dass man gut mit einer Einschränkung leben kann.
Transcript
Ganz herzlich willkommen zu 1 neuen Ausgabe von Ein Gespräch im Roten Sessel.Heute aus einem luftigen Wintergarten.Unser heutiger Gast ist Langzeitüberlebender mit Krebs.Peter erkrankte vor 20 Jahren an Lungenkrebs.Ein Schicksal, das er mit jährlich 57000 neu betroffenen Männern und Frauen teilt.
Damals, im Jahr 2002, ließ er sich den linken Lungenflügel entfernen und ist seither krebsfrei.Sport hat er immer gerne betrieben.Er war aktiver Handballer, ist viel Fahrrad gefahren und hat auch speziellen Lungensport gemacht.Er engagiert sich an seinem Heimatort Bielefeld ehrenamtlich in der Selbsthilfe Lungenkrebs e v und hilft anderen dabei, mit der Krebsdiagnose zu leben.Jetzt hat er Platz genommen auf dem roten Sessel und wir freuen uns darauf, mehr aus seinem Leben zu erfahren.
Ganz herzlich willkommen, Peter Salich.
Vielen Dank für die Einladung.
Peter, erzähl uns und lass uns ein bisschen teilhaben.Wie war dein Leben vor 20 Jahren vor der Diagnose Krebs?
Ja, ich war Kundendienstmonteur bei 1 Aufzugsfirma, war mehr oder weniger immer alleine unterwegs, hat mir sehr gut gefallen.Habe früher auch viel Sport gemacht, sprich Handball.Bin ich mit Schwimmen angefangen, habe auch Wettkampfschwimmen durchgemacht, bisschen Wasserball dabei dann auch gespielt.
Wie warst Du privat eingebunden?
Wir haben geheiratet, 69, für meine Frau.Seitdem sind wir zusammen, habe eine Tochter bekommen und mittlerweile auch 2 sehr liebe, nette Enkelkinder.
Also das heißt, dein Leben war beruflich wie privat, könnte man sagen, in Ordnung?
Wir waren gut zufrieden.
Wie kam's zur Diagnose Lungenkrebs?Durch Zufall.
Ich war arbeitsmäßig unterwegs, hab eine Pause gemacht mitm Auto halt, bin ausm Auto ausgestiegen, hatte Schmerzen in der linken Brusthälfte.Und links, das war für mich Herzschmerz, da hatte ich fürchterliche Angst vor.Dann bin ich sofort mit zum Arzt gegangen.Der hat mich untersucht und sagt dann aber gleich, Peter, das ist nix mit deinem Herzen, das ist in Ordnung, aber an der Lunge hast Du was.Ich werde dich zum Lungenfacharzt überweisen.
Dann bin ich zum Lungenfacharzt.Der fing noch mal an mitm CT.Dann wurde eine Bronchoskopie gemacht.Ja, und da wurde festgestellt, dass ich halt 'n nicht kleinzelliges Karzinom habe.
Wie hat man dir diese Diagnose vermittelt?
Die war etwas speziell war die.Ich muss dazu sagen, meine Frau ist immer mitgekommen zum Arzt und ja, nach der Bronchoskopie saßen wir im Wartezimmer.Das war ein langer Raum und dann kam der Arzt aus seinem Zimmer und rief im Grunde genommen lauthals durch.Er sah sich, Ihre Diagnose ist positiv verlaufen.
Das ist nicht dein Ernst?
Das war so.Das werde ich auch nie vergessen.Es ist so gewesen, als wenn ich an Tiefschlag irgendwie eine Magengrube bekommen habe.Ich weiß auch nicht, wie ich das weiterverarbeitet hätte, wenn ich alleine gewesen wäre.Gut, wir sind dann zusammen mit meiner Frau zum Doktor aber reingegangen auch und dann erzählte er mir das und und und.
Und er sagte, er wird sofort zusehen, das fand ich wiederum sehr gut, dass Sie sofort ins Krankenhaus kommen.Das dauerte keine Woche, da lag ich im Krankenhaus.Der erste Tag, wo ich das mit den Schmerzen hatte, so am siebzehnten Januar und Ende Februar bin ich dann schon im Krankenhaus operiert worden, kompletten Lungenflügel entfernt, den Linken.Na ja, mit dem wurde ich dann in die AHB entlassen.
Mhm.Ist es zu direkt gefragt, wenn ich dich bitte, uns ein bisschen teilhaben zu lassen, wie man ohne einen zweiten Lungenflügel lebt?
Am Anfang war es sehr, sehr schwer.Ich wusste nicht, damit umzugehen und bin leicht sehr, sehr aus sehr schnell außer Puste geraten, weil ich nicht wusste, wie ich mich einteilen musste.
Also beim Treppensteigen?
Beim Treppensteigen oder auch beim Spazierengehen.Ich konnte zum Beispiel nicht mit Bekannten spazieren gehen und gleichzeitig sprechen.Dann fehlte mir ruckzuck, die Luft fehlte mir.Und das dauerte doch etliche Jahre, bis ich mich daran gewöhnt habe.Mhm.
Und natürlich kann ich heute immer noch nicht groß Treppensteigen oder Berge erklimmen, aber ich weiß, wie ich damit umzugehen habe, was ich mir zutrauen kann.Und das Gute bei der ganzen Sache ist, wenn ich mal außer Atem bin, ich kann mich sehr schnell regenerieren.
Hast Du für diesen speziellen Umgang, nur mit einem Lungenflügel zu leben, eine Art Training gehabt?Hat man dich da geschult oder hast Du dir das alles selbst beigebracht?
Nein, direkt geschult nicht.Das heißt, in der AHB hat man mir natürlich etwas beigebracht, Atemtechnik und und und.Aber sonst hatte ich keinen Ansprechpartner bis auf meinen Hausarzt und ich konnte mit keinem darüber reden.
Peter, zu welchen Reaktionen kommt es, wenn Menschen anderen erzählen, dass sie eine Diagnose Lungenkrebs haben?
Also mir persönlich, uns persönlich ist es passiert, dass wir gute Freunde aufgrund meiner Krankheit doch verloren haben auch.Man hatte das Gefühl, man hat eine ansteckende Krankheit und die haben sich zurückgezogen.Warum auch immer, ich weiß es nicht.Auf der anderen Seite habe ich aber 2 Arbeitskollegen gehabt, die sich von Anfang an sehr, sehr bemüht mich haben und geholfen haben, wo's irgendwo ging.Die bei meiner Frau nachgefragt haben, ob sie irgendwie wälflich sein könnten, die mich gefragt haben.
Und mit einem von dem Arbeitskollegen sind wir heute noch sehr gut befreundet.
Wie war das vor 20 Jahren?Hat's damals eine Art Selbsthilfe gegeben, Psychoonkologie?Gab's da ein Angebot, das dich in irgendeiner Weise aufgefangen hat?
So was gab es überhaupt nicht.Ich habe nachher nach, sagen wir mal, 2, 3 Jahren fing ich an, unruhig zu werden, hab irgend so was gesucht, Ansprechpartner, mit dem ich darüber sprechen konnte und es gab halt nichts.Das einzigste Gute bei der ganzen Geschichte war halt, meine Frau ist in der Pflege tätig und die hat mich son bisschen mit aufgefangen.Und die hat auch dafür gesorgt, dass ich mich nicht ganz hängen lasse, sondern hat mit der Tochter zusammen doch bisschen Druck verteilt auch.
Jetzt wollt ich grad nachfragen, es drängt sich ja förmlich auf, was heißt aufgefangen?Hat sie das mit sanftem Druck gemacht?
Das wurde teilweise auch schon bisschen härter gedrückt.Aber im Nachhinein, wenn ich mir das so überlege, war es das Beste, was mir passieren konnte.
Das heißt, ihr beide musstet euch auch ein bisschen neu einspielen und neu kennenlernen an dieser Front, oder?
Auf alle Fälle.Und das war nicht ganz einfach, denn im Grunde genommen war's ja dann so, dass ich irgendwann mal, ja, erwerbsunfähig geschrieben worden bin und das mit 52 Jahren.Und das war für mich im Grunde genommen der größere Tiefschlag als die OP selber.Und ich war zu Hause, meine Frau ging zur Arbeit.Ich sah relativ gesund aus.
Es konnte keiner sehen, dass ich krank war.Und da hatte ich mehr mitzukämpfen als mit der Krankheit als solches.
Was hat es mit deinem Selbstwertgefühl gemacht?
Es ging ziemlich Berg runter, muss ich sagen.Ja.Ich war ziemlich weit unten.Und da, wie gesagt, da kam dann meine Frau ins Spiel mit der Tochter zusammen, die mich dann doch son bisschen geschubst haben und gestoßen haben und es nicht zugelassen haben, dass ich ganz runtergehe.Und im Nachhinein bin ich dafür auch noch immer sehr, sehr dankbar.
Hast Du eine Erklärung heute dafür, warum man dich damals mit im Alter von 52 Jahren für erwerbsfähig geschrieben hat?
Ja, man macht sich ja Gedanken darüber und ich kann mir das nur so vorstellen, dass man gesagt hat, gut, der gute Mann ist 52 Jahre alt mit einem Lungenflügel, Lungenkrebs, da lohnt sich keine Umschulung.Denn ich hatte da angesprochen, auch vorher mit der Firma schon, ob ich irgendwie eine Umschulung mache, dass ich ins Büro gehe oder ins Lager.Die Firma war mit einverstanden, wenn das Arbeitsamt mitspielt.Und daraufhin bin ich zum Arbeitsamt gegangen, hab gefragt, ob ich irgendwie eine Umschulung mitfinanziert bekäme.Die Firma würde mitspielen und dahin, daraufhin hat man mir dann halt den Antrag in die Hand gedrückt.
Und dann wurde ich, war ich knappes Jahr später, erwerbsunfähig.
Glaubst Du, dass das heute anders wär?
Mit Sicherheit.Bin ich fest von überzeugt.Glaube nicht, dass man so ohne Weiteres heute mit 52 kaputtgeschrieben wird.
Das heißt, ihr habt erst mal euch als Familie neu sortieren müssen und auch die Rollen ein Stück weit anders verteilen müssen, oder?
Das auf alle Fälle.Meine Frau ist ja weiter zur Arbeit gegangen und ich habe das gemacht, was ich halt machen konnte im Haushalt auch bisschen und und und.
Jetzt leitest Du die regionale Gruppe in Bielefeld von Lungenkrebs e.V.Wenn ich jetzt also ein neu diagnostizierter Patient bin, ein Betroffener bin, mit welcher Erwartung kann ich in die Selbsthilfe kommen?
Also erst mal muss ich dazu sagen, dass im Grunde genommen jeder zu dieser Gruppe kommen kann, ob Betroffener, ob Angehöriger oder auch einfach nur Interessierte.Es wird kein Beitrag verlangt, die können sich hinsetzen und zuhören.Und als Betroffener gehe ich dahin mit der Erwartung, dass ich bisschen Zuspruch bekomme, dass ich, wenn ich Fragen habe, man mir diese Fragen vielleicht beantworten kann und dass ich einen, ja, einen seligen Raum habe, wo ich mit selbst Betroffenen mich unterhalten kann.Das ist etwas anderes, als wenn ich mit Gesunden über meine Krankheit spreche.
Jetzt können ja auch Vorurteile vorhanden sein, dass Betroffene denken, da wird nur über Krankheit gesprochen, da wird nicht gelacht, das zieht einen eher runter, man muss hier Seelenstrip machen, also all die Dinge.Magst Du das ein bisschen in Kräften?
Das ist schon mal völlig verkehrt.In dieser Gruppe wird natürlich in dem Moment, wo ein neuer kommt, auch über Krankheit gesprochen, weil dieser neue ja Fragen hat.Aber wenn wir uns so treffen und es kommt ein neuer, dann reden wir über Gott und die Welt, lachen und und machen alles Mögliche.Es wird nicht, Gottes Willen, über Krankheit nur gesprochen.Das wollen die Leute ja auch nicht ärgern.
Die sind ja genug mit damit beschäftigt, wenn sie zu Hause alleine sind und denken über Krankheit nach.
Was sind die typischen Ängste, wenn jemand neu diagnostiziert ist?
Was passiert mit mir jetzt?Was ist eigentlich Hämo?Was passiert in der Hämo?Was ist eine Bestrahlung?Wie läuft das ab?
Das sind Ängste, die, weil keiner weiß, was es geht, ne?Wobei ich auch festgestellt habe heute, generell möcht ich behaupten, dass Männer als solches viele Probleme haben, über Krankheiten zu reden.Das merken wir auch daran, dass betroffene Männer erkrankt sind, ne.Also dann rufen meistens die Frauen an und fragen, Selbsthilfegruppe, können wir mal kommen oder so?Es kommt schon mal vor, dass Mann von sich aus nachfragt, aber in der Hauptsache sind es dann doch die Ehefrauen oder die Bekannten, die fragen wegen Selbsthilfegruppe.
Und wenn die dann zwei-, dreimal dabei sind, dann merkt man doch, wie auch Männer lockerer werden und bereit sind, auch über ihre Krankheit vernünftig zu reden und das versuchen zu akzeptieren.
Spür ich in soner Selbsthilfegruppe 'n besonderes Maß an Gemeinschaft?Ich denke ja.
Die Gruppe als solches fügt sich geschlossen und gibt sich gegenseitig Kraft.Ich muss dazu auch sagen, in all den Jahren, ich diese Selbsthilfegruppe leiste, habe ich unwahrscheinlich persönlich daraus gelernt und bin immer besser mit dieser Krankheit zurechtgekommen.Es ist auch befreiender.
Ist es für die Beteiligten und damit meine ich auch die Angehörigen besser und hilfreicher, offen darüber zu sprechen?Denn zu deiner Zeit damals war das ja eher, glaube ich, noch nicht so ganz möglich.
Also wenn ich von mir aus ausgehe, so würde ich sagen, auf alle Fälle ist es besser.Es bringt einem nichts, wenn ich zu Hause, von mir aus auch mit der Familie sitze und über diese Krankheit diskutiere.Da gibt's ja keinen Ausweg.Aber wenn ich mit anderen darüber spreche, mit anderen darüber diskutiere, ich kann seelische Unterstützung bekommen.Ich kann Tipps bekommen, was mach ich?
Wie läuft's weiter?
Wenn Du jetzt, heute, 20 Jahre nach deiner Krebserkrankung auf dein Leben schaust, würdest Du sagen, es ist gutes Leben?Es ist gut, wie es ist?
Ich würd nicht sagen, es ist gut, wie es ist, aber ich komme damit zurecht und gehe damit einigermaßen vernünftig denk ich.
Jetzt warst Du früher aktiver Sportler.Wie sieht das heute aus?
Na gut, nachdem ich dann operiert worden bin und einigermaßen wieder aufn Beinen war, bin ich viel Fahrrad gefahren.Nur da merkte ich halt, es ist nicht so meine Sache, denn die kleinste Steigung hat mich am Rand meiner Kraft gebracht und an meiner Luft.Dann bin ich aufs E-Bike umgestiegen.Da fahr ich jetzt im Sommer fast jeden Tag mit paar Kilometer.Ich mach keine Riesentouren, aber jeden Tag einmal so Bielefeld rum oder so, das klappt schon.
Und wie viel Kilometer hast Du dann aufm Tacho?
Im Schnitt so zwischen 20 und 30 Kilometer mach ich dann schon.Super.Mitm E-Bike alleine.Und was ich seit etlichen Jahren auch mitmache, ist Lungensport.Man unterhält sich auch dabei und man lernt vernünftig zu atmen und hat auch ein bisschen Bewegung.
Denn alleine zu Hause so was zu machen, vergisst man schon mal.
Welche Rolle während der letzten vielen Jahre hat deine Frau und deine Tochter gespielt und deine Enkel?
Meine Frau und meine Tochter haben eine sehr, sehr wichtige Rolle gespielt.Ich möchte behaupten, so ohne die beiden wär ich heute nicht hier.Wär ich nicht so weit, dass ich hier so sitzen könnte.Es ging nicht immer nur mit freundlichen Worten vonstatten.Es wurde auch manchmal Druck verteilt.
Mal mehr, mal weniger.Aber im Nachhinein kann ich nur sagen, das war das Beste, was mir passieren kann.
Peter, wir sind am Ende unseres Interviews angekommen.Ich möcht mich aufs Herzlichste bedanken.Es hat mir große Freude bereitet, dich heute hier kennenzulernen und aus deinem Leben zu erfahren.Ich wünsche dir, deiner Familie das Allerbeste und auf ein gesundes Wiedersehen.
Vielen Dank auch.Es hat mich auch sehr gefreut, hier sitzen zu dürfen und über meine Krankheit und mein Leben sprechen zu dürfen.Alles Gute, Peter.Danke.
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