Diagnosegespräch: 30% Überlebenschance
Kraft sammeln und das Leben selbst bestimmen!
Wie es ist, wenn die Diagnose „Keimzelltumor“ die Karriere- und Familienpläne durchkreuzt? Dies beschreibt der Augenoptiker und Hobby-Fußballer Thomas Götz. Im Alter von 23 Jahren erhielt er die Diagnose der seltenen aber bösartigen Krebserkrankung, die normalerweise als Hodenkrebs auftritt. – Nicht so bei Thomas Götz: Bei ihm wurde der Tumor von 20 cm Größe im Bauchraum entdeckt.
Als einer von 2 Millionen CancerSurvivor ist er wieder mitten im Leben angekommen und gilt als geheilt. Den existenziellen Einschnitt in sein damals junges und unbekümmertes Leben beschreibt er im Interview mit Stephan Pregizer wie folgt: „Ich war anfangs ziemlich naiv im Umgang und in der Betrachtung meiner Situation.” Die Ärzte sprachen von einer 30-prozentigen Überlebenschance. Thomas berichtet von seinem persönlichen Reifungsprozess, den er in jungen Jahren durchlaufen musste.
Das Interview zum Nachlesen
Wir freuen uns sehr, Ihnen heute wieder eine beeindruckende Persönlichkeit, einen CancerSurvivor vorstellen zu dürfen. Es ist ein junger Mann der 2011 im Alter von 23 Jahren an einem bösartigen Keimzelltumor erkrankt ist, diese Krankheit überstanden hat und mittlerweile wieder im Leben angekommen ist. Den existenziellen Lebenseinschnitt von damals, hat er uns wie folgt beschrieben. “Ich war anfangs ziemlich naiv im Umgang und in der Betrachtung meiner Situation. Ich dachte es wird ein Absitzen der Krankheit, bis ich nach der Chemotherapie wieder aus dem Krankenhaus spazieren kann. Dann wurde mir ziemlich schonungslos klar, dass es doch auch ungünstig ausgehen könnte. Der Arzt sagte damals: Wenn es nicht gut läuft, wird Ihre Zeit begrenzt. Sie haben eine 30 prozentige Überlebenschance, wenn vom Tumor nicht alles entfernt werden kann. Das war ein ziemlicher Wachmacher.” Er hat diese schwere Zeit überlebt, spielt mittlerweile wieder Fußball und hat Spaß an seinem Beruf als Augenoptiker.
Moderator: Herzlich Willkommen, Thomas Götz. Thomas, schön dich heute hier zu haben. Sei so lieb, erzähl uns doch bitte deine Geschichte. Wie war dein Leben vor der Krebserkrankung?
Thomas Götz: Ich wohne in einem 2000-Seelen Dörfchen im Schwabenland. Jagstzell heißt das Dorf. Mit 4 älteren Schwestern. Ich spiele Fußball und dabei habe ich gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt.
Moderator: Wie hat sich die Krankheit bemerkbar gemacht? Wie hast du gemerkt, es stimmt was nicht?
Thomas Götz: Es war so, dass ich während des Training oder während dem Spiel hatte ich ein bisschen Probleme mit der Luft. Hab mir nichts weiter dabei gedacht, war dann beim Arzt. Er hat mir dann Blut abgenommen, hat mich dann aber Gott sei Dank noch ins nächste Krankenhaus überschrieben und da ein Röntgenbild verordnen lassen. Worauf man dann einen Schatten sehen konnte.
Moderator: Wo hat sich dieser Schatten befunden?
Thomas Götz: Der war in meinem Brustkorb. Unterhalb von meinem Brustkorb. So groß, dass er quasi die rechte Lungenhälfte zerdrückt hat. Am Schluss waren es ungefähr 20 cm Größe, die der erreicht hatte.
Moderator: Thomas, kannst du dich erinnern, was deine allererste Reaktion darauf war, als du diese Diagnose “Krebs” erhalten hast?
Thomas Götz: Die Ärztin kam ins Zimmer und ich saß auf dem Bett. Sie hat mir die Diagnose gesagt, dann hab ich erstmal gedacht, das müsste eigentlich ein Traum sein. Das ist eigentlich alles so unwahr, so unrealistisch. Ich hatte eigentlich doch nur Husten, mehr hab ich doch gar nicht gehabt. Mit der Diagnose konnte ich im ersten Augenblick auf gar keinen Fall was anfangen. Das ist für einen jungen Kerl mit 23 Jahren schon hart zu hören, wo man eigentlich mit gar nichts Schlimmem rechnet. Wenn die Leute sagen, ich hatte Krebs dann sag ich: Nein, ich hatte einen Tumor in mir. Es klingt für mich, um das zu verarbeiten angenehmer, als zu sagen “ich hatte Krebs”. Ich hatte einfach nur ein Gewebe in mir, das da nicht hingehörte.
Moderator: Welche Träume wurden durch die Krankheit auf Eis gelegt und welche haben dir Kraft gegeben nach vorne zu gucken?
Thomas Götz: Ich wollte karrieremäßig durchstarten, wie man als junger Mann das tun möchte. Natürlich auch durch die Chemo, ist es mit der Fortpflanzung auch nicht mehr so nah.
Moderator: Das haben dir die Ärzte gesagt?
Thomas Götz: Genau, dass es mit Kinder zeugen höchstwahrscheinlich nicht mehr klappen wird. Wenn man seit 8 Jahren mit seiner Freundin zusammen ist und man ein grobes Bild von der Zukunft vor sich hat, ist das ein Schlag ins Gesicht.
Moderator: Du hast eine sehr seltene Krebserkrankung gehabt: Keimzelltumor. Was ist das genau?
Thomas Götz: Schwierig zu sagen. Die meisten dieser Tumore kommen häufiger in den Genitalien vor. Was bei mir das Ganze außergewöhnlich gemacht hat: Er kam halt nicht da vor, sondern im Brustkorbbereich. Und grade auch noch in diesem Ausmaß, dieser Größe von über 20 cm. Und durch das schnelle Wachsen. Er ist innerhalb von 6 – 8 Wochen dementsprechend groß gewachsen.
Moderator: Die Diagnose muss dir doch die Füße weggezogen haben. Mittendrin im Leben, gerade mal 23 Jahre alt. Was hat dir Kraft gegeben wieder aufzustehen?
Thomas Götz: Ich hatte keine andere Mal. Mit der Situation musste ich mich beschäftigen und dann musste ich mir irgendwie einen Plan fassen, was ich denn von mir erwarte, was ich von der Krankheit erwarte und wie ich mit ihr umzugehen hab.
Moderator: Wie war die Reaktion von deiner Familie, von deiner Freundin? Hast du eine Veränderung bei ihnen festgestellt in der Zeit?
Thomas Götz: Die waren viel kämpferischer drauf, viel motivierender. Die haben mir jeden Tag Essen ins Krankenhaus gefahren. Jeden Tag war jemand da, der mir was gebracht hat. Zu keiner Zeit sind zu viele Tränen geflossen, dass die mich angesteckt hätten mit Schwäche. Im Gegenteil! Also das war wie eine Wand.
Moderator: Was haben die Ärzte dir gesagt im Bezug auf eine erfolgreiche Therapie?
Thomas Götz: Mein damaliger Arzt war dann Gott sei Dank der Meinung, dass man mich erst durch eine Chemo schicken sollte, um so wenigstens die Chance zu haben den Tumor, das Gewebe, abzutöten.
Moderator: Welche Prognose haben dir die Ärzte vor der OP gegeben?
Thomas Götz: Sollte man den Tumor nicht komplett rausbekommen, sollte noch dieses entscheidende Teil drin sein, das sich entschließt doch weiter zu wachsen, hat mein Arzt mir damals 30 Prozent Überlebenschance gegeben.
Moderator: Wie integriert man 30 Prozent Überlebenschance in sein Bewusstsein?
Thomas Götz: Sehr schwer, sehr schwer. Also 30 Prozent… Man rechnet mit 100 Prozent, generell im Leben. Aber 30 Prozent ist weniger als 50/50 und 50/50 ist schon relativ gering. Da war für mich der Zeitpunkt da, wo ich dachte, es könnte auch böse ausgehen. Vielleicht war das der nötige Wachmacher um nochmal alles zu mobilisieren. Man kann ja nicht viel machen, trotzdem den Kampf annehmen und gucken, dass man doch mehr als 30 Prozent irgendwie hinkriegst.
Moderator: Konntest du Anleihen vom Sport nehmen?
Thomas Götz: Sport, war in meinem Leben schon immer omnipräsent. Also vielleicht war das gut, dass ich Sportarten im Zweikampf gemacht habe, dass ich diesen Zweikampf auch aufnehmen konnte.
Moderator: Und dann kam die OP.
Thomas Götz: Genau. Das war ein großer Eingriff, den Brustkorb öffnen. Die ganzen Vorgespräche waren drastisch.
Moderator: Was haben die Ärzte gesagt, als sie direkt nach der Operation zu dir ins Krankenzimmer gekommen sind?
Thomas Götz: Das Schöne war, sie hatten ein kleines Lächeln auf dem Mund. Das hat mir schon Freude entgegengebracht. Die haben mir gratuliert. Ich glaub die haben sich selbst auch auf die Schulter geklopft aber die haben mir gratuliert, dass sie alles großflächig rausgebracht haben.
Moderator: Wie war die Reaktion von deiner Freundin und deiner Familie?
Thomas Götz: Die waren erleichtert, wie sie es noch nie zuvor waren. Tränen hab ich gesehen, Freudentränen. Eine Erleichterung lag in der Luft. Es war schön in dem Moment. Die Nachricht “alles gut” plus Familie an der Seite, am Bett, das war sehr emotional.
Moderator: Jetzt kommt man in einer Situation wie du, mit 23 Jahren, und wird mit der eigenen Zerbrechlichkeit konfrontiert. Ist das ein vorgezogener Reifungsprozess, den du da durchgemacht hast?
Thomas Götz: Ein unschöner, aber es ist schon ein Reifungsprozess. Man nimmt Dinge nicht mehr so ernst. Man bleibt lockerer, in gewissen Situationen, bleibt ruhiger. Es spielen andere Werte eine größere Rolle im Leben.
Moderator: Konntest du von Anfang an gut über die Krankheit sprechen?
Thomas Götz: Ich bin generell so ein Typ, der zuerst selber damit zurecht kommen muss und das verarbeiten muss. Es klingt egoistisch, aber es ist meine Sache, mit der muss ich zurecht kommen. Da waren schon manche verwundert, dass ich nicht mit einem Psychologen oder Pfarrer oder Familienmitglied drüber sprechen wollte.
Moderator: Warum hast du heute für dieses Interview genau dieses Lokal ausgesucht?
Thomas Götz: Ich liebe italienisch zu Essen. Das ist für das leibliche Wohl wichtig. Und deswegen gibt’s nichts Schöneres, als mit Freunden zu sitzen, einfach mal Pizza zu essen und was Gutes zu Trinken. Einfach mal reden über gute Zeiten, die ja noch vor einem stehen.
Moderator: Hast du denn im Krankenhaus schon wieder ans Fußballspielen gedacht?
Thomas Götz: Nachdem die Operation hinter mir war, ja. Es war schon das Ziel meinen Körper wieder auf Vordermann zu bringen. Ich sah aus wie ein Strich in der Landschaft, sagt man so. Das mochte ich an mir nicht. Deswegen wollte ich so schnell wie möglich wieder Kraft sammeln um wieder zurück auf den Sportplatz zu kommen. Um wieder in das gewohnte Umfeld reinzukommen.
Moderator: Wie war das, als du zum ersten Mal deine Fußballschuhe wieder angezogen hattest und auf dem Platz gestanden bist?
Thomas Götz: Ich weiß ganz genau, es war noch leicht Winter, leicht Schnee lag noch auf dem Platz und die ersten paar Runden Laufen, eigentlich nur um die Lunge wieder voll zu kriegen. Wie es ist kalte, frische Luft einzuatmen und wieder auszuatmen ohne Schmerzen, ohne Husten. Das war einfach nur ein tolles Gefühl mal nicht im Krankenbett zu liegen, sondern einfach auf dem Platz ein paar Runden zu drehen.
Moderator: Warum hast du dich entschieden, uns heute dieses Interview zu geben und deine Geschichte öffentlich zu machen?
Thomas Götz: Dadurch, dass es jetzt 5 Jahre her ist, dass ich diesen Tumor in mir hatte, sind wir jetzt in dem zeitlichen Bereich, wo man sagt ich bin geheilt. Vielleicht kann ich auch Leuten sagen, dass es schon wird, quasi. Dass man den Kampf nie aufgeben soll.
Moderator: Hast du während deiner Erkrankung mal in den Spiegel geschaut und es hat jemand anderes zurück geguckt?
Thomas Götz: Das war kurz nachdem ich mich von der Chemo übergeben musste, da hab ich mich im Spiegel angeschaut und sah den abgemagerten Buben vor mir. Ich hab mir in die Augen geschaut und gesagt “So nicht!”. Also so ein elendes Bild, was ich da im Spiegel gesehen habe, das ging so nicht mehr weiter. Ich weiß noch ganz genau, wo und wie das war. Ich hab mir in die Augen geschaut, ich konnte ziemlich tief reinschauen und seit diesem Zeitpunkt, war es für mich klar: Ohne mein Bestes zu geben, gehe ich hier nicht raus. Das war der Moment, der für mich den Schalter umgelegt hat, wo ich gesagt hab “bring it on, ich pack das!”.
Moderator: Wie lautet das Lebensmotto von Thomas Götz?
Thomas Götz: Man muss immer kämpfen. Egal wie, egal mit was, mit wem. Kämpfen bedeutet für mich, sich mit etwas auseinandersetzen, auch mit etwas Unschönem was man nicht so gerne hat. Ich gehe straight durch und nehme das an.
Moderator: Was macht für dich einen CancerSurvivor aus?
Thomas Götz: Für mich spielt die Einstellung zu Situationen eine Rolle. Jemand, der vielleicht noch 10, 15 Jahre vor sich hat, wie geht der mit seinem Leben um? Lässt er sich durch die Krankheit beeinflussen und sein Leben bestimmen? Oder bestimmt er trotz seiner Krankheit sein Leben? Für mich ist ein CancerSurvivor jemand, der die Situation annimmt wie sie ist und trotzdem das Bestmögliche aus seinem Leben macht.
Moderator: In der Rückbetrachtung, wer waren in der gesamten Zeit die wichtigsten Menschen um dich?
Thomas Götz: Da gibt’s 3 Gruppen: einmal natürlich meine Familie. Dann mein Arzt, der die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Und natürlich auch meine Freundin, die zu der Zeit ein Masterstudium in Freiburg gemacht hat und so oft wie möglich in den Zug gestiegen ist. Trotzdem ihr Studium mit Bravour gemeistert hat und mir trotzdem Mut zugesprochen hat.
Moderator: Ich muss nicht fragen, ob euch die Situation zusammengeschweißt hat.
Thomas Götz: Nein, das brauchst du nicht fragen.
Moderator: Thomas, ich möchte mich ganz herzlich bedanken für dieses sehr offene und persönliche Gespräch, das wir führen durften. Ich wünsche dir von Herzen das Allerbeste. Dankeschön.
Transcript
Wir freuen uns sehr, Ihnen heute wieder eine beeindruckende Persu00f6nlichkeit, einen Cancer Survivor vorstellen zu du00fcrfen.Es ist ein junger Mann, der 2011 im Alter von 23 Jahren an einem bu00f6sartigen Keimzelltumor erkrankt ist, diese Krankheit u00fcberstanden hat und mittlerweile wieder im Leben angekommen ist.Den existenziellen Lebenseinschnitt von damals hat er uns wie folgt beschrieben.Ich war anfangs ziemlich naiv im Umgang und in der Betrachtung meiner Situation.Ich dachte, es wird ein Absitzen der Krankheit, bis ich nach der Chemotherapie wieder aus dem Krankenhaus spazieren kann.
Dann wurde mir ziemlich schonungslos klar, dass es doch auch ungu00fcnstig ausgehen ku00f6nnte.Der Arzt sagte damals, wenn es nicht gut lu00e4uft, ist Ihre Zeit begrenzt.Sie haben eine dreiu00dfigprozentige u00dcberlebenschance, wenn vom Tumor nicht alles entfernt werden kann.Das war ein ziemlicher Wachmacher.Er hat diese schwere Zeit u00fcberlebt, spielt mittlerweile wieder Fuu00dfball und hat Spau00df in seinem Beruf als Augenoptiker.
Herzlich willkommen, Thomas Gu00f6tz.Thomas, schu00f6n dich heute hier zu haben.Sei so lieb, erzu00e4hl uns doch bitte deine Geschichte.Wie war dein Leben vor der Krebserkrankung?
Ja, ich wohne in einem 2000 Seelen Dorfchen im Schwabenland, Jaggs Zell heiu00dft das Dorf, mit 4 u00e4lteren Schwestern, spiel Fuu00dfball und da hab ich dann gemerkt beim Fuu00dfballspielen, dass etwas mit mir nicht so stimmt.
Wie hat sich die Krankheit bemerkbar gemacht?Wie hast Du gemerkt, es stimmt was nicht?
Es war so, dass ich wu00e4hrend des Trainings oder wu00e4hrend den Spielen hatte ich bisschen mit der Luft Probleme.Hab mir dann nichts weiter dabei gedacht, war dann beim Arzt und hat dann mir Blut abgenommen und hat mich aber Gott sei Dank noch dann ins nu00e4chste Krankenhaus u00fcberschrieben und hat da ein Ru00f6ntgenbild verordnen lassen, worauf man dann quasi einen Schatten sehen konnte.
Wo hat sich dieser Schatten befunden?
Der war in meinem Bru00fcschkorb, ja, unterhalb meinem Buschkorb und der war so grou00df, dass er quasi die rechte Lungenhu00e4lfte zerdru00fcckt hat.Am Schluss waren's so ungefu00e4hr die 20 Zentimeter Gru00f6u00dfe, die der erreicht hat dann.
Thomas, kannst Du dich dran erinnern, was deine allererste Reaktion darauf war, als Du diese Diagnose Krebs erhalten hast?
Die u00c4rztin kam rein ins Zimmer und ich sau00df aufm Bett und sie hat mir die Diagnose gesagt.Dann hab ich erst mal gedacht, es mu00fcsste eigentlich 'n Traum sein.Das ist alles eigentlich so unwahr, so unrealistisch.Ich hab eigentlich doch nur Husten.Mehr hatt ich doch gar nicht gehabt.
Und mit der Diagnose jetzt irgendwie was anzufangen konnt ich im ersten Augenblick auf gar keinen Fall.Es ist fu00fcr jungen Kerl mit 23 Jahren schon bissel hart auf einmal zu hu00f6ren, wo man eigentlich mit eigentlich mit gar nix Schlimmem rechnet.Wenn die Leute sagen, dass ich Krebs hatte, sage ich, nein, hatte Tumor in mir.Das klingt fu00fcr mich, das Ganze zu verarbeiten und zu hu00f6ren, angenehmer, als wenn ich sage, ich hatte Krebs.Ich hatte einfach nur Gewebe in mir, das da nicht hingehu00f6rte.
Welche Tru00e4ume wurden durch die Krankheit auf Eis gelegt und welche haben dir Kraft gegeben, nach vorne zu gucken?
Ich wollte karrieremu00e4u00dfig durchstarten, wie man halt als junger Mann das tun mu00f6chte.Natu00fcrlich auch durch die Chemo, ist mir der Fortpflanzung auch nicht mehr so nah.
Das haben dir die u00c4rzte gesagt?
Genau, dass es wahrscheinlich mit Kinderzeugen und so was hu00f6chstwahrscheinlich nicht mehr klappen wird.Wenn man eine Freundin hat, mit der man seit 8 Jahren zusammen ist und man da auch schon son grobes Bild vor Augen hat, was einen da erwartet, dann ist das schon Schlag ins Gesicht.
Du hast eine sehr seltene Krebserkrankung gehabt, Keimzelltumor.Was ist das genau?
Schwierig zu sagen.Also die meisten dieser Tumore kommen doch in den Genitalien hu00e4ufiger vor.Was bei mir das Ganze auu00dfergewu00f6hnlich gemacht hat, er kam halt nicht davor, sondern im Brustkorbbereich.Und grad auch noch in diesem Ausmau00df von der Gru00f6u00dfe von u00fcber 20 Zentimetern und durch das schnelle Wachsen halt auch noch, was er halt hatte innerhalb von, die ersten meinten, 6 bis 8 Wochen, ist des Dingens dementsprechend grou00df gewachsen.
Die Diagnose musst Du doch die Fu00fcu00dfe weggezogen haben.Mittendrin im Leben, grade mal 23 Jahre alt.Was hat dir Kraft gegeben, wieder aufzustehen?
Ich hatte keine andere Wahl.In der Situation musste ich mich beschu00e4ftigen und dann musste ich mir irgendwie Plan fassen, was ich denn von mir erwarte, was ich von der Krankheit erwarte und wie ich mit der umzugehen hab.
Wie war die Reaktion von deiner Familie, von deiner Freundin?Hast Du eine Veru00e4nderung bei ihnen festgestellt in der Zeit?
Sie waren viel ku00e4mpferischer drauf und viel motivierender.Die haben mir jedes Mal jeden Tag Essen ins Krankenhaus gefahren.Jeden Tag war jemand da, wo mir was gebracht hat.Zu keiner Zeit sind zu viele Tru00e4nen geflossen, dass sie mich irgendwie angesteckt haben mit Schwu00e4che, im Gegenteil.Also das war wie eine Wand.
Was haben die u00c4rzte dir gesagt in Bezug auf eine erfolgreiche Therapie?
Mein damaliger Arzt war dann Gott sei Dank der Meinung, dass man mich erst durch eine Chemo schicken sollte, so wenigstens die Chance zu haben, den Tumor, das Gewebe abzutu00f6ten.
Welche Prognose haben dir die u00c4rzte vor der OP gegeben?
Sollte man den Tumor nicht komplett rausbekommen und sollte noch dieses entscheidende Teil drin sein, dass ich ihn schlieu00dft, doch noch weiter zu wachsen, hat mein Arzt mir damals 30 Prozent u00dcberlebenschance gegeben.
Wie integriert man 30 Prozent u00dcberlebenschance in sein Bewusstsein?
Sehr schwer, sehr schwer.Also 30 Prozent.Man rechnet mit 100 Prozent generell im Leben, aber 30 Prozent ist weniger als fifty fifty und fifty fifty ist schon relativ gering.30 Prozent ist also da war fu00fcr mich der Zeitpunkt da, wo ich dachte, Mensch, es ku00f6nnte auch bu00f6se ausgehen.Vielleicht war das der nu00f6tige Wachmacher, auch noch mal zu gucken, hey, alles mobilisieren, alles reinhauen.
Man kann ja nicht viel machen, aber trotzdem den Kampf irgendwie dann annehmen und zu gucken, dass man doch mehr wie 30 Prozent doch noch auf die eigene Hand irgendwie anders hinkriegt.
Konntest Du Anleihen vom Sport nehmen?
Sport, ja, Sport war schon immer in meinem Leben irgendwie omnipru00e4sent.Also vielleicht war das Gute, dass ich Sportarten im Zweikampf machen musste oder gemacht habe, dass ich diesen Zweikampf auch aufnehmen konnte und
Und dann kam die
OP.Genau.Das war grou00dfer Eingriff, Pushcord u00f6ffnen.Die ganzen Vorgespru00e4che waren drastisch.
Was haben die u00c4rzte gesagt, als sie direkt nach der Operation zu dir ins Krankenzimmer gekommen sind?
Gut, das Schu00f6ne war, sie hat kleines Lu00e4cheln aufm Mund, ja.Das hat mir schon Freude entgegengebracht.Die haben mir gratuliert.Ich glaub, die haben sich selber auch die Schulter geklopft, aber die haben mir gratuliert, dass sie alles komplett grou00dfflu00e4chig rausgebracht haben.
Wie war die Reaktion von deiner Freundin und deiner Familie?
Die waren erleichtert, wie sie es, glaub, noch nie zuvor waren.Tru00e4nen hab ich gesehen, ja, Freudentru00e4nen einfach und ich lag einfach, eine Erleichterung lag in der Luft.Das war schu00f6n in dem Moment.In dem Moment Die Nachricht, alles gut plus Familie an der Seite am Bett, das war doch sehr emotional.
Jetzt kommt man in eine Situation wie Du mit 23 Jahren und wird mit der eigenen Zerbrechlichkeit konfrontiert.Ist das ein vorgezogener Reifungsprozess, den Du da durchgemacht hast?
Ein unschu00f6ner, aber es ist schon Reifungsprozess, das auf jeden Fall.Man nimmt Dinge nicht mehr so nicht mehr so ernst und man bleibt lockerer in gewissen Situationen, bleibt ruhiger und es spielen andere Werte eine gru00f6u00dfere Rolle im Leben.
Konntest Du von Anfang an gut u00fcber die Krankheit sprechen?
Ich bin generell son Typ, der erst selber damit zurechtkommen muss und das verarbeiten muss.Klingt bisschen egoistisch, das ist meine Sache.Mit der muss ich zurechtkommen und da waren schon manche verwundert, dass ich jetzt Beispiel nicht mit einem Psychologen oder nicht mit einem Pfarrer oder nicht mit einem Familienmitglied dru00fcber sprechen mochte.
Warum hast Du fu00fcr heute fu00fcr dieses Interview genau dieses Lokal ausgesucht?
Ich lieb italienisch zu essen.Das ist fu00fcrs lebliche Wohl ist wichtig und deswegen gibt's nichts Schu00f6neres mit Freunden drinzusitzen, einfach mal Pizza zu essen und was Gutes zu trinken und einfach mal bissel reden u00fcber gute Zeiten, die einem noch vor einem stehen.
Hast Du denn im Krankenhaus schon wieder ans Fuu00dfballspielen gedacht?
Nachdem die Operation hinter mir war, ja, war schon das Ziel, meinen Ku00f6rper wieder auf Vordermann zu bringen.Ich sah aus wie Strich in der Landschaft, sagt man so.Und das mochte ich an mir nicht.Deswegen wollte ich so schnell wie mu00f6glich doch wieder Kraft sammeln, wieder zuru00fcck auf den Sportplatz zu kommen, wieder in das gewohnte Umfeld reinzukommen.
Wie war das, als Du zum ersten Mal wieder deine Fuu00dfballschuhe angezogen hattest und aufm Platz gestanden bist?
Ich weiu00df ganz genau noch, das war noch leicht Winter, noch leicht Schnee war noch, lag noch aufm Platz.Und die ersten paar Runden laufen eigentlich nur, die Lunge wieder voll zu kriegen, wie das ist, frische Luft, kalte Luft einzuatmen, wieder auszuatmen, ohne Schmerzen, ohne Husten, ohne was weiu00df ich.Das war einfach nur tolles Gefu00fchl, mal nicht im Krankenbett zu liegen, sondern einfach nur aufm Platz einfach nur paar Runden zu drehen.
Warum hast Du dich entschieden, uns heute dieses Interview zu geben und deine Geschichte u00f6ffentlich zu machen?
Ja gut, dadurch, es jetzt 5 Jahre jetzt her sind, dass ich diesen Tumor in mir hatte, sind wir jetzt auch schon in dem zeitlichen Bereich, wo man sagt, ich bin geheilt.Vielleicht kann ich auch Leuten sagen, dass es schon wird quasi und dass er halt den Kampf nie aufgeben soll.
Hast Du wu00e4hrend deiner Erkrankung mal in den Spiegel geschaut und es hat jemand anderes zuru00fcckgeguckt?
Das war kurz nachdem ich mich u00fcbergeben musste von der Chemo, hab ich mich im Spiegel angeschaut, sah den abgemagerten Bub vor mir, hab mir in die Augen geschaut und hab gesagt, so nicht.Also so ein elendes Bild, was ich da im Spiegel gesehen hab, das ging so nicht mehr weiter.Und ich ich weiu00df noch ganz genau, wo das war und wie das war.Ich hab mir in die Augen geschaut und ich konnte ziemlich tief reinschauen, ja.Und seit diesem Zeitpunkt war's von mir klar oder war's fu00fcr mich klar, ohne mir Bestes zu geben, geh ich hinaus, ja.
Und das war der Moment, wo's fu00fcr mich den Schalter umgelegt hat, wo ich sagen konnte, so jetzt bring it an und ich pack das.
Wie lautet das Lebensmotto von Thomas Gu00f6tz?
Man muss immer ku00e4mpfen, egal wie, egal wann, egal mit wem.Ku00e4mpfen bedeutet fu00fcr mich einfach, sich mit etwas auseinandersetzen, auch mit etwas Unschu00f6nem vielleicht, ja.Mit etwas, was man nicht so gerne hat.Ich geh mitten durch.Ich geh straight durch und nimm das an.
Was macht fu00fcr dich einen Kancer Survivor aus?
Fu00fcr mich spielt die Einstellung zur Situation eine Rolle, ja.Jemand, der vielleicht noch 10 Jahre, 15 Jahre vor sich hat, ja.Wie geht der mit seinem Leben Lu00e4sst er sich durch die Krankheit beeinflussen und sein Leben bestimmen oder bestimmt er trotz seiner Krankheit sein Leben?Fu00fcr mich ist ein einfach jemand, der die Situation annimmt, so wie sie ist und trotzdem das Bestmu00f6gliche aus seinem Leben macht.
In der Ru00fcckbetrachtung, wer waren in der gesamten Zeit die wichtigsten Menschen dich?
Da gibt's 3 Gruppen.Einmal natu00fcrlich meine Familie, mein Arzt auf jeden Fall, der die richtigen Entscheidungen getroffen hat und natu00fcrlich auch meine Freundin, die im Masterstudium in Freiburg gemacht hat zu der Zeit und so oft wie's mu00f6glich war, in den Zug gestiegen ist, trotzdem ihr Studium zu absolvieren und das mit Bravour zu meistern und immer auch noch vor mir gute Figur machen im Sinne von Mut zu sprechen.Also da ist fu00fcr mich
Ich muss nicht fragen, ob euch die Situation zusammengeschweiu00dft hat.
Nein, das brauch ich nicht fragen.
Thomas, ich mu00f6chte mich ganz herzlich bedanken fu00fcr dieses sehr offene und persu00f6nliche Gespru00e4ch, das wir fu00fchren durften.Wu00fcnsch dir von Herzen das Allerbeste.Dankeschu00f6n.
- timer ca. 14 Minuten
- person Thomas Götz
- coronavirus Hodenkrebs
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