Immun­onkologie – Das Immun­system im Einsatz gegen Krebs

Seit mehr als hundert Jahren versuchen die Onkologen, Krebs neben Operation, Chemotherapie und Bestrahlung auch mit immunologischen Methoden zu behandeln. Hierbei sollen die Kräfte des eigenen Immunsystem aktiviert werden und Immunreaktionen auf Tumoren auslösen. Ältere Ansätze erwiesen sich allerdings häufig als nicht stark genug, um als alleinige Therapie zu wirken. So kombinieren viele Mediziner heute die Strahlentherapie und Chemotherapie mit Immuntherapien oder verschiedene Immuntherapie-Methoden miteinander. Außerdem wurden neuere Ansätze entwickelt, die spezifischer in die Reaktion des Immunsystems gegen den Tumor eingreifen – mit teilweise guten Ergebnissen. Leider lassen sich immunologische Behandlungen nicht bei allen Tumorarten anwenden. Auch bei Krebsarten, bei denen es entsprechende Therapieansätze gibt, kommen diese nicht für jeden betroffenen Patienten infrage. Fazit: Jede Immuntherapie ist immer auch eine gezielte, individuelle Therapie – also abhängig von jedem betroffenen Patienten und dem jeweiligen Krankheitsstadium.

Vielversprechende Immuntherapien

Immuntherapien sollen das Immunsystem so weit stärken, dass es aus eigener Kraft Krebszellen zerstören kann. Seit langem versuchen Wissenschaftler, die fehlende Immunreaktion auf Krebszellen künstlich zu erzeugen. Die Hoffnung: Mit gezielten immunologischen Therapien will man das Tumorwachstum bremsen oder ganz aufhalten. Die Ergebnisse sind erfolgversprechend, da die Immuntherapie rasante Fortschritte macht. Trotz der Aufbruchsstimmung steckt das Konzept der Immuntherapie jedoch immer noch in den Kinderschuhen. „Wir haben noch viel Forschungsarbeit vor uns. Bisher können nur wenige Krebsarten mit den neuen Therapien behandelt werden. Zahlreiche Methoden werden derzeit in klinischen Studien untersucht. Viele Konzepte sind noch nicht gut genug erforscht, um sie überhaupt klinisch erproben zu können“, so Professor Dr. Hinrich Abken von der Uniklinik Köln. In Zukunft müssen die Wirksamkeit und insbesondere die Sicherheit der Anwendung von Immuntherapien noch besser erforscht werden. Die Gefahr einer starken Aktivierung des Immunsystems liegt darin, dass sich die Immunzellen auch gegen den eigenen Körper richten können. Die Folge sind Autoimmunreaktionen wie Hautausschlag, aber auch unterschiedlich stark ausgeprägte Entzündungen der Schilddrüse, der Leber, der Lunge oder des Darms, die lebensbedrohlich für die Patienten sein können.

Bisher kann die Immuntherapie zum Beispiel bei Schwarzem Hautkrebs, Nierenkrebs und Lungenkrebs angewandt werden, bei Brust- und Darmkrebs hingegen nicht (Quelle: Dr. von Schilling, Klinikum Freising).

Antikörpertherapie (passive Immuntherapie)

Antikörper erkennen und binden sich an Krebszellen und behindern sie in ihrem Stoffwechsel. Bei einer Antikörpertherapie erhalten Betroffene vorproduzierte Antikörper als Medikament. Diese lösen mit ihrer Bindung an die Tumorzellen unter anderem eine Immunreaktion aus. Damit greifen diese Antikörper gezielt in Abläufe ein, die für Wachstum oder Stoffwechsel von Tumorzellen wichtig sind. Solche Behandlungsverfahren zählen zu den sogenannten zielgerichteten Therapien, die einen wachsenden Stellenwert in der Krebsbehandlung haben.

Checkpoint-Inhibitoren (Hemmer)

Krebs kann das Immunsystem aktiv abschalten. Dazu schüttet der Tumor Botenstoffe aus, welche die Aktivierung von Immunzellen hemmen. Zu dem kann der Tumor diese Zellen so umprogrammieren, dass sie ihn schützen und nicht bekämpfen. Neuartige Medikamente, die sogenannten Immun-Checkpoint-Hemmer, schalten diese sogenannte „Immunsuppression“ (die Unterdrückung des körpereigenen Abwehrsystems) durch den Tumor ab und bringen das Immunsystem wieder in Gang. Bisher sind erst wenige solcher Checkpoint-Hemmer zur Krebstherapie zugelassen.

Studien haben ermittelt, dass Checkpoint-Hemmer große Erfolge bei verschiedenen Krebsarten erzielen können. Allerdings sprechen derzeit nur zwischen 20 und 30 Prozent der Patienten auf diese Therapien an. Noch ist wenig darüber bekannt, warum die Immuntherapien bei manchen Patienten anschlagen, bei anderen dagegen nicht.

Wachstumsfaktoren

Wachstumsfaktoren (z.B. einige Zytokine) sind Botenstoffe des Immunsystems. Hiervon produzieren manche Krebszellen zu viel. Das ist der Grund dafür, weshalb sie sich auch so schnell ausbreiten können. Eine Therapie mit Antikörpern blockiert die Wachstumsfaktoren und kann dieses Wachstum abmildern. Schon seit Längerem werden Wachstumsfaktoren in der Krebstherapie eingesetzt. Sie wirken jedoch nur bei wenigen Tumorarten und auch nicht bei allen Patienten. Wachstumsfaktoren können während und nach einer Chemotherapie ganz gezielt die Bildung von Immunzellen anregen.

Tumorantigene (aktive Immuntherapie)

Antigene sind jene Substanzen oder Strukturen, die vom Immunsystem als „fremd“ erkannt und daraufhin meistens bekämpft werden. Das geschieht insbesondere durch die Bildung von spezifischen Antikörpern sowie von spezialisierten Zellen. In der Krebsmedizin spielen Tumorantigene eine wichtige Rolle. Manche von ihnen eignen sich als Tumormarker in der Diagnostik. Wenn das Immunsystem gegen Tumorantigene reagiert, kann das eine dauerhafte Tumorkontrolle ermöglichen. Das kann aber nur gelingen, wenn die vom Tumor ausgelöste Unterdrückung der körpereigenen Abwehr gleichzeitig erfolgreich bekämpft wird.

Um das Immunsystem für Tumorantigene zu sensibilisieren, testen Wissenschaftler und Ärzte verschiedene Strategien. Zum Beispiel lassen sich die für den Tumor charakteristischen Erkennungszeichen oder ihren Bauplan impfen. So kann der der Patient die typischen Tumorantigene in hoher Dosierung und zusammen mit Wirkungsverstärkern erhalten. Somit fällt es dem Immunsystem leichter, darauf zu reagieren. In weiteren Ansätzen werden Patienten eigene Immunzellen entnommen, verändert oder mit Antigenen „geimpft“, vervielfältigt und dann den Betroffenen zurückgegeben. Diese Methode lässt sich auch als „Krebs-Impfung“ bezeichnen, da hier zum Schutz vor einer Infektion mit krebsfördernden Viren geimpft wird.

Stammzelltransplantation

Die Transplantation von Knochenmark- und Blutstammzellen lässt sich auch zu den Immuntherapien zählen. Sie wird angewandt bei Patienten mit bestimmten Leukämien oder Lymphomen, bei denen das erkrankte Knochenmark durch eine hochdosierte Chemo- oder Strahlentherapie zerstört werden muss. Damit neue Blut- und Immunzellen produziert werden, erhalten Patienten im Anschluss Knochenmark oder Stammzellen von einem Spender. Die transplantierten, fremden Immunzellen greifen auch verbliebene Krebszellen des Empfängers an. Es besteht allerdings die Gefahr, dass das erneuerte Immunsystem auch das gesunde Gewebe des Empfängers angreift. Solche Immunreaktionen gehören zu den kritischen Nebenwirkungen einer Stammzelltransplantation.

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