Podcast „Besonder­heiten der onkologischen Reha“

Ziel und Wert einer Rehabilitation ist, mögliche Spätfolgen und Einschränkungen bedingt durch Krankheit oder Behandlung vorzubeugen. Die Verbesserung der Lebensqualität steht dabei stets im Fokus. Ebenso soll verhindert werden, dass Betroffene erwerbsunfähig oder pflegebedürftig werden. Allgemein gesprochen gilt: Reha vor Rente!

Gilt das auch für eine onkologische Reha? Im Interview mit Dr. Susanne Weinbrenner erhalten wir hierzu wichtige und präzise Informationen. Die Expertin ist Leiterin des Geschäftsbereiches Sozialmedizin und Rehabilitation und Leitende Ärztin der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV). Wir sprechen mit ihr über maßgeschneiderte Angebote, Tipps zur Antragsstellung, Berücksichtigung von persönlichen Wünschen und Anliegen in Bezug auf die Rehaeinrichtung, sowie über das Leistungsversprechen und dem Service der DRV.

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Wie kann es gelingen, während oder nach einer Krebserkrankung, wieder in das gewohnte Leben zurückzukehren?

Das kann gut gelingen, indem wir die Menschen aufnehmen, wie sie gerade sind, sie an dem Punkt abholen, wo sie gerade stehen. Eine Krebsdiagnose ist für die meisten Betroffenen ein dramatischer Einschnitt in ihr Leben, ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr so, wie es vorher war. Und wegen dieser Betroffenheit ist es auch natürlich, dass man sich schwertut, ins normale Leben zurückzufinden, und deswegen ist es auch ganz wichtig und völlig normal, sich hierfür Hilfe zu holen. Die Rehabilitation kann hier eine wunderbare Unterstützung darstellen, die Menschen ganzheitlich zu unterstützen darin, wieder in ihren normalen Alltag zurückzufinden. Dabei ist es natürlich unterschiedlich, ob sie jetzt im Erwerbsleben noch stehen, oder ob sie bereits in Altersrente sind. Es gilt aber immer, dass wir bestmöglich schauen wollen und Unterstützung geben wollen in Hinblick darauf, dass ich meinen Alltag sehr gut bewältigen kann, dass ich meine Rollen erfüllen kann, dass ich wieder in eine, in ein Leben zurückfinde, in dem ich Lebensqualität erfahren kann.

Anstelle frühberentet zu werden, sollten Menschen mit einer Rehabilitationsmaßnahme ins Arbeitsleben zurückgeführt werden. Trifft das auch auf onkologische Patienten zu?

Selbstverständlich trifft das für onkologische Patienten auch zu. Wir sehen hier auch eine hohe Beteiligung der Betroffenen, wieder ins Erwerbsleben zurückzukehren. Wir haben bei onkologisch erkrankten Menschen sogar oftmals das Thema, dass wir sie eher bremsen müssen, damit sie sich nicht zu früh überfordern und wieder versuchen im Erwerbsleben Platz zu finden. Vielleicht müssen wir hier auch noch mal unterscheiden. Wir haben zwei große Gruppen, die onkologische Rehabilitation von der Rentenversicherung erhalten können: Wir haben zum einen die Menschen, die noch im Erwerbsleben stehen. Da ist der Fokus natürlich neben der Integration in die allgemeinen Rollen, die ein Mensch so ausfüllt, dass wir auch wieder eine Möglichkeit schaffen, im Erwerbsleben teilzunehmen, entweder wie vorher, oder in einer modifizierten Tätigkeit möglicherweise. Bei den Menschen, die bereits im Ruhestand sind, geht es darum, möglichst Pflegebedürftigkeit zu verhindern und das ist ein etwas anders gelagerter Fokus, aber letztendlich auch ein ganzheitlicher, eine ganzheitliche Betrachtung, die eben darauf abzielt, die Menschen in all ihren Aspekten wahrzunehmen, wieder aufzubauen, um sie eben bestmöglich am Leben teilhaben zu lassen mit all seinen Facetten.

Was ist eigentlich das Spezielle an einer onkologischen Reha?

Also grundsätzlich ist es so, dass wir in der Rehabilitation uns ja eher an den Aspekten Funktionsfähigkeit und Teilhabe orientieren. Und von daher sind zum Teil natürlich schon spezifische, sage ich mal, so organspezifische oder tumorspezifische Aspekte zu beachten, weil die manchmal in ihren Konsequenzen unterschiedlich sind, sowohl therapeutisch, als auch an sich durch die Einschränkungen, die sie machen können. Aber der Hauptfokus liegt darauf, dass wir die Menschen ganzheitlich betrachten und einfach schauen, welche Funktionsstörungen, welche Teilhabestörungen liegen vor, und wie können wir hier bestmöglich unterstützen oder die Menschen unterstützen, das idealerweise selbst wieder dahin zu bringen, dass sie sagen, sie können in einem Umfang jetzt wieder teilhaben, dass es fast ist wie vorher. Oder dass sie auf jeden Fall mit dem, was noch an Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden kann, auf jeden Fall ein hohes Maß an Lebensqualität erfahren können. Also das ist ganz, ganz wichtig. Und die Vorbereitung auf so eine Rehabilitationsleistung kann hier auch wunderbare Dienste leisten. Meistens ist es so, dass die Kliniken durchaus mit den Betroffenen auch in Kontakt gehen, wenn die Reha genehmigt wurde und ich weiß, wo gehe ich jetzt hin. Dann ist es auch sehr gut, wenn die Einrichtung, und das wird oft schon gemacht, auch in Kontakt geht und sagt, wie können sie sich gut vorbereiten, was können sie sich in ihrer Situation schon an Zielen überlegen, und sich auch schon so ein bisschen drauf einstimmen: Jetzt geht es darum, dass ich wieder sozusagen ins Leben zurückkehre. Und da ist es natürlich auch ein Unterschied, ob ich jetzt direkt nach der unmittelbaren Behandlung im Akutbereich in die Rehabilitation komme, also eine Anschlussrehabilitation habe, oder ob ich schon wieder länger, sozusagen eine längere Distanz habe zu der akuten Behandlung, ja? Da bin ich unterschiedlich aufgestellt. Am Anfang geht es da vielleicht jetzt, wenn die Diagnose noch nicht so lange her ist, wenn die unmittelbare Therapie noch sehr stark nachwirkt, geht es einfach auch darum, selbst den Schock zu verarbeiten, diese Erkrankung zu haben. Das trifft ja einen oft wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und dann geht es darum, sich selbst damit sozusagen so auseinanderzusetzen, dass ich ein Stück weit meinen Frieden machen kann damit. Und das hat aber auch oft eben auf das unmittelbare Umfeld sehr starke Auswirkungen. Krebs ist immer noch eine Erkrankung, die sehr viel Angst und Schrecken auslöst, wobei sie heute durch die neuen Behandlungsmethoden eben bis zu 60 Prozent als chronische Erkrankung betrachtet werden kann auf die Länge der Zeit. Das heißt, die Menschen sind tatsächlich dann nicht so unmittelbar vom Tode bedroht, wie das noch vor 20, 30 Jahren war. Und dieser Schrecken sitzt uns aber noch im kollektiven Gedächtnis und in den Gliedern und so ist es auch im Umgang jetzt der Betroffenen selbst und auch des Umfeldes. Und da gilt es auch noch mal ein bisschen zu gucken, zu relativieren, wo stehe ich jetzt gerade? Welche Möglichkeiten habe ich? Und dann wirklich auch nach vorn zu schauen und den Kampf aufzunehmen. Es lohnt sich, ja? Wir haben wirklich durch die besseren Behandlungsmöglichkeiten auch deutlich längere Überlebenszeiten und wirklich die Möglichkeit vielleicht sogar ganz zu gesunden von dieser Erkrankung und deswegen, ja, unbedingt versuchen auch zu sehen, was kann ich aus dieser Situation machen, damit ich trotz der schlimmen Diagnose mich bestmöglich wieder aufstellen kann.

Gibt es unterschiedliche Reha-Maßnahmen für unterschiedliche Krebserkrankungen?

Also grundsätzlich nein. Natürlich gibt es organspezifische Besonderheiten, deswegen werden dann auch die onkologischen Erkrankungen teilweise tatsächlich, zum Beispiel die Brustkrebserkrankung, in der gynäkologischen Rehabilitation behandelt. Das hat unterschiedliche Gründe: Zum Einen ist es so, dass wir einfach sehen, wenn Gleichbetroffene zusammen sind in Gruppen, dann hilft es sehr, sehr sich gegenseitig auch zu unterstützen. Sie sehen und erleben Menschen, die haben ein ähnliches Schicksal und das relativiert das auch so ein bisschen. Aber insgesamt ist sozusagen diese spezifische Krankheitsbehandlung eher im Hintergrund und im Vordergrund steht: Wie kann ich wirklich mein Leben jetzt so gestalten mit der Erkrankung, dass ich möglichst viel Freude erleben kann.

Was denken Sie, wann sollte diese sogenannte AHB durchgeführt werden?

Es gibt einen Katalog von Erkrankungen, die für eine Anschlussrehabilitation infrage kommen und da gehören auch die onkologischen Erkrankungen dazu. Die Besonderheit hier ist, dass unmittelbar in Anschluss an eine Krankenhausbehandlung – die Wartezeit sollte im Allgemeinen längstens zwei Wochen betragen – kann eine Rehabilitation durchgeführt werden. Idealerweise wird diese Anschlussrehabilitation bereits im Krankenhaus durch den Sozialdienst initiiert und bei einigen Rentenversicherungsträgern kann es dann tatsächlich nahtlos in die Rehabilitationseinrichtung gehen. Bei anderen gibt es noch einen Prüfweg im sozialmedizinischen Dienst. Insgesamt haben aber alle Rentenversicherungsträger das Ziel, dass hier möglichst wenig Zeit verstreicht, wenn die Menschen schon in der Lage sind, eine Anschlussrehabilitation durchzuführen. Oftmals ist es ja so, dass die unmittelbaren Therapien nach der Diagnosestellung sehr belastend sind für den Körper, und dann muss man noch mal schauen, ob tatsächlich schon die Reha-Fähigkeit besteht, so wie wir das nennen. Das bedeutet, dass jemand auch tatsächlich so eine Rehabilitationsleistung durchführen kann, dass er auch wirklich profitiert. Wir wollen unbedingt auch vermeiden, dass eine Überforderungssituation entsteht. Aber grundsätzlich ist es so eben nach den Therapien, die als erstes stattfinden, kann im unmittelbaren Anschluss eine Anschlussrehabilitation durchgeführt werden.

Was liegt Ihnen als Leiterin des Geschäftsbereichs Rehabilitation ganz besonders am Herzen?

Bezüglich der Rehabilitation an sich-. Ja. Also die Rehabilitation hat einen ganzheitlichen Ansatz und das ist etwas, da denke ich, profitieren vor allem auch onkologische Patienten sehr davon. Es geht eben zum Einen darum, die Menschen wieder körperlich aufzubauen, wieder in eine Leistungsfähigkeit zu bringen. Oftmals ist es so, dass sie total erschöpft sind von den Chemotherapeutika. Das hat eine unglaublich beeinträchtigende Auswirkung auf den Körper, und so ist auf jeden Fall der körperliche Aufbau, gute Ernährung spielen eine ganz wichtige Rolle. Dann ist es oft so, dass die Patienten erleben in der Therapie, dass ihr Körper ihnen quasi nicht mehr so gehorcht. Sie sind nicht leistungsfähig, wie sie es vorher waren, und da gilt es auch, langsam in der Rehabilitation aufzubauen, damit die Menschen wieder erleben: Ja, ich kann was, ich kann das bewältigen. Also um auch hier, sage ich mal, über diese körperliche Unterstützung auch wieder mehr Zutrauen zu sich selbst zu finden. Dann sind natürlich auch die psychoonkologisch genannten Aspekte eine ganz wichtige, ein wichtiges Angebot in der Rehabilitation. Es gilt nun, diese Erkrankung quasi in das eigene Leben zu integrieren. Das heißt, mit der Erkrankung zu leben, sie zu akzeptieren, Wege zu finden, wie ich mit möglichen, vielleicht bleibenden, Einschränkungen leben kann und trotzdem eben Lebensfreude wieder zu entwickeln, Lebensqualität zu erleben und deswegen ist das ein ganz wichtiger Aspekt. Und auch soziale Aspekte sind wichtig. Also wenn es darum geht, jemanden ins Erwerbsleben zu reintegrieren, muss man unter Umständen schauen: Braucht es jetzt noch Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben, beispielsweise, um hier noch eine weitere Unterstützung geben zu können? Damit wir so ein ganz umfassendes Paket für die Betroffenen schnüren können, um sie bestmöglich für ihren Alltag wieder aufzustellen.

Wo bekomme ich die Hilfe? Wer ist der richtige Ansprechpartner?

Also idealerweise ist es in der Tat der Sozialdienst in den Kliniken. Leider ist in den vergangenen Jahren in vielen Kliniken der Sozialdienst abgebaut worden, sodass wir hier ein wirkliches Problem haben. Da kann ich nur raten: Bitte sprechen Sie Ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte an und fragen sie nach Anschlussrehabilitation. Sie haben ein Recht, diese Leistung zu erhalten und wenn Sie die Voraussetzungen erfüllen, dann sollten Sie unbedingt auch dafür Sorge trage, so gut Sie das natürlich können, aber wenn Sie keinen Sozialdienst haben, der Sie anspricht, dann bitte fragen Sie Ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte danach.

Hat jeder Krebserkrankte Anspruch auf eine Rehabilitation?

Grundsätzlich ist es so, Reha-Leistungen der Rentenversicherung sind Antragsleistungen. Das heißt, man muss einen Antrag stellen, und da ist, wie wir schon besprochen haben, einerseits der Sozialdienst in der Klinik wichtig, aber es kann ja auch sein, dass, wenn eine längere Zeit schon verstrichen ist, Sie aus der Klinik schon längere Zeit wieder zuhause sind, oder vielleicht auch begonnen haben, wieder zu arbeiten, dass Sie dann erneut eine Rehabilitationsleistung möchten. Dann müsste die eben auch beantragt werden. Es gibt für alle Rehabilitationsleistungen die sogenannten versicherungsrechtlichen Voraussetzungen. Das heißt, es sind 15 Jahre Wartezeit zu erfüllen, beziehungsweise Sie müssen innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens sechs Monate versicherungspflichtig tätig gewesen sein. Da gibt es noch bestimmte Sonderformen, aber das ist so grundsätzlich für diejenigen, die noch im Erwerbsleben stehen, ist das die Voraussetzung. Ansonsten, wenn Sie eben Altersrentner sind, dann können Sie auch eine Rehabilitationsleistung beantragen, wenn Sie eben bei der Rentenversicherung im Rentenbezug sind. Also es gilt beispielsweise nicht für Beamte auf Lebenszeit. Die können keine Leistung der Rentenversicherung beziehen an der Stelle. Aber so über alles gesehen, bedarf es eben einer bestimmten Wartezeit und dann auch, wie gesagt, der Voraussetzung, dass versicherungsrechtliche Zeiten nachgewiesen werden.

Wie gut wird das Angebot der onkologischen Reha eigentlich genutzt?

Wenn wir uns jetzt die Antragszahlen anschauen, dann ist es so, dass wir in der Tat in den letzten Jahren einen Rückgang an Anträgen zu verzeichnen haben, den wir auch nicht so ganz verstehen, ehrlicherweise. Das heißt, wir haben auch Forschungsprojekte laufen, bei denen wir dieser Frage nachgehen, um besser zu verstehen, warum dieses Angebot nicht mehr so nachgefragt wird. Ein Aspekt, hatten wir uns überlegt, könnte eben sein, dass, wenn man beispielsweise eine längere Zeit schon im Krankenhaus verbracht hat, dass man einfach auch mal wieder zuhause sein möchte, dass man auch diese Krankenhausatmosphäre nicht mehr haben möchte, und auch nicht mehr ständig mit dem Thema konfrontiert sein. Aber das reicht nach meiner Einschätzung nicht so ganz aus, um das zu verstehen. Wir hatten die (?Prognos) Studie durchführen lassen, um überhaupt festzustellen, warum die Anträge zurückgehen. Das ist nämlich ein generelles Phänomen, das nur in der Onkologie ein bisschen stärker noch akzentuiert ist. Und haben da feststellen müssen, dass offensichtlich unsere Leistungen nicht ausreichend bekannt sind. Deswegen finde ich es auch schön, dass wir das jetzt auch hier bekanntmachen können, weil es natürlich sehr, sehr schade ist. Ich bin sehr davon überzeugt, dass Rehabilitationsleistungen den Menschen wirklich sehr gut helfen können, ihren Weg zurück in den Alltag zu finden, und da auch neue Strategien und Möglichkeiten zu entdecken, wie sie sich selbst da auch unterstützen können, mit der Erkrankung positiv umgehen. Aber offensichtlich, wie gesagt, haben wir ein Defizit insofern als unsere Leistungen nicht ausreichend bekannt sind und da müssen wir sicherlich noch ganz intensiv nacharbeiten, um wirklich deutlich zu machen, dass wir die onkologischen Patienten an der Stelle nicht allein lassen, sondern ein Angebot haben.

Haben die Betroffenen manchmal auch eine falsche Vorstellung von Reha?

Ja. Also ich gehe sehr davon aus, dass einige Menschen eine falsche Vorstellung davon haben. Die Reha hat sich allerdings auch in den letzten 15, 20 Jahren deutlich gewandelt. Also Sie kennen vielleicht noch diese Sprüche von Fango und Tango, das war so das Bild, das über die Rehabilitation da herrschte. Man geht da halt mal so ein bisschen eben eher in Urlaub und lässt es sich gutgehen, während wir heutzutage ganz klar sagen, die Betroffenen müssen unbedingt mitarbeiten. Das sollte auf keinen Fall in Stress ausarten, aber es geht in der Rehabilitation darum, seine Lebensgewohnheiten zu ändern. Und das ist nichts, was man einfach so jemandem, sage ich mal, überstülpen kann, oder an ihn herantragen kann, oder an sie, und das funktioniert dann sofort. Da gilt es zu üben, sich auch intensiv auseinanderzusetzen und auch zu schauen, was passt von den Angeboten für mich überhaupt. Es soll nicht so sein, dass ich dann versuche irgendetwas zu praktizieren, von dem ich direkt weiß, das werde ich nicht durchhalten. Deswegen sollte Rehabilitation unbedingt auch als ein Bündel von Angeboten verstanden werden, wo es eben auf allen Ebenen – körperlich, psychisch, aber auch was soziale Aspekte anbelangt, also bei Erwerbstätigen die Arbeit – hier sollte einfach geschaut werden, was passt für mich, wo kann ich mich auch wirklich dauerhaft mit diesen Angeboten identifizieren, das zu meinen eigenen Werkzeugen machen, um mit meiner Erkrankung besser leben zu können.

Was soll der Patient also heute bei Reha leisten?

Ja, ganz wichtig ist, dass die Betroffenen das Thema wirklich zu ihrem eigenen Thema machen. Es ist wichtig, dass sie eben aktiv daran arbeiten, dass sie sich neu aufstellen für ihr Leben. Deswegen wird zu Beginn einer Rehabilitation immer mit den Betroffenen werden die Reha-Ziele vereinbart. Das heißt, man tauscht sich aus auf allen angesprochenen Ebenen: Wo möchte ich hin? Wo möchte ich stehen, nach der Reha unmittelbar und vielleicht auch noch längere Zeit darüber hinaus? Und dann gilt es natürlich auch für die Betroffenen das, was man vereinbart hat, umzusetzen. Und das bedeutet; Ich gehe engagiert in die ganzen bewegungstherapeutischen Angebote, die ich bekomme. Ich mache mir differenziert Gedanken: Kann ich in dem Beruf noch arbeiten? Kann ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehren, oder nicht? Was brauche ich vielleicht noch? Und auch, was die Krankheitsbewältigung anbelangt, dass ich mir wirklich klar bin: Ich muss mich mit dem Thema wirklich so auseinandersetzen, dass ich es integriere. Es hilft nicht, dran vorbeizuschauen oder so zu tun, als ob es nicht geschehen wäre. Es ist einfach ins Leben zu integrieren. Und das bedarf einfach wirklich der aktiven und engagierten Mitarbeit der Betroffenen. Davon hängt zentral der Reha-Erfolg ab.

Bekommen Sie Rückmeldung von Patienten zur Reha-Maßnahme?

Ja. Also, wir bekommen sehr gutes Feedback, gerade – das kann man auch, sage ich mal, ein bisschen verallgemeinern – bei den onkologischen Patientinnen, Patienten, können wir in unserer Rehabilitandenbefragung feststellen, dass ihre Zufriedenheit deutlich höher ist, als die der anderen Erkrankten. Und wir sehen auch, dass sie eine hohe Motivation haben, über alles gesehen, wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren, beziehungsweise bei denjenigen, die schon im Ruhestand sind, sich bestmöglich so aufzustellen, dass sie eben ihren Alltag allein bewältigen können, oder mit möglichst wenig Unterstützung. Also wir sehen schon, dass, über alles gesehen, dass die Menschen mit onkologischen Erkrankungen wirklich sehr engagiert auch an ihrer Rehabilitation mitarbeiten.

Wann und zu welchem Zeitpunkt der Erkrankung muss konkret eine Reha beantragt werden? Und wo wird sie genehmigt?

Gut. Jetzt versuchen wir das mal Schritt für Schritt abzuarbeiten. Also es gibt zwei Varianten, erst mal grob zum Ordnen. Wir haben zum Einen die Anschlussrehabilitation, die idealerweise schon in der Klinik, in der Akutversorgung initiiert wird durch den Sozialdienst. Wenn es hier Probleme gibt, dann sprechen Sie ihren Arzt, Ihre Ärztin an, oder aber die Rentenversicherung hat auch Beratungsangebote. Sie können sich auch über eine Hotline hier beraten lassen und dann noch weitere Informationen erhalten. Die zweite Variante ist die Antragsrehabilitation. Das heißt, da ist, wenn Sie schon längere Zeit seit der Akutbehandlung wieder, sage ich mal, im Arbeitsleben sind, kann es ja sein, dass Sie trotzdem spüren, es wäre jetzt noch mal ganz gut, wenn Sie eine Rehabilitationsleistung durchführen könnten, um sich noch mal besser aufzustellen. Da gilt grundsätzlich eine Vierjahresfrist zwischen den beiden Rehabilitationsleistungen. Wenn aber bestimmte medizinische Sachverhalte dafür sprechen, dann können Sie ohne Weiteres auch innerhalb einer kürzeren Zeit, innerhalb eines kürzeren Zeitraums wieder eine Rehabilitationsleistung beantragen. Diese wird dann direkt bei dem für Sie zuständigen Rehabilitationsträger beantragt. Da müssen Sie einfach schauen, bei welchem Rentenversicherungsträger sind Sie denn versichert. Das kann eben einer der Bundesträger sein, Knappschaft-Bahn-See oder Deutsche Rentenversicherung Bund. Oder aber in Ihrem Bundesland gibt es eben jeweils zuständige Rentenversicherungsträger. Das können Sie auch über die Website herausfinden, die die Rentenversicherung hat.

Einmal im Jahr bekommt man ja eine Renteninformation über die zu erwartende Altersrente, und genau in diesem Schreiben ist der eigene Rentenversicherungsträger genannt.

Vollkommen korrekt. Wenn Sie regelmäßig das auch getan haben, dass Sie nämlich Ihre Rentenanwartschaften aktualisiert haben, dann bekommen Sie auch eine Information, wobei wir die zeitweise ausgesetzt haben. Aber grundsätzlich wer schon länger im Arbeitsleben steht und bei der Rentenversicherung versichert ist, der bekommt eine Übersicht und weiß von daher, wo er versichert ist. Und mit der Versichertennummer können Sie dann den Antrag stellen. Sie brauchen dazu noch die Unterstützung Ihres Arztes. Der sollte einen möglichst guten Befundbericht beilegen. Idealerweise schicken Sie das schon mit und dann gilt eine gesetzliche Frist von 14 Tagen. Mit Eingang des Antrags hat die Rentenversicherung 14 Tage Zeit, Ihnen einen Bescheid zu geben über diese, über den Antrag und von daher sollten Sie eigentlich sehr schnell wissen, wann die Rehabilitation durchgeführt werden kann und wo.

Kann ich in meinem Antrag schon Wünsche äußern (z.B. Reha am Meer)?

Es gibt ein gesetzlich verankertes Recht darauf, sich eine Rehabilitationseinrichtung zu wünschen und dieser Wunsch kann auch auf dem Antrag vermerkt werden. Dem haben wir auch zu folgen, es sei denn, es sprechen medizinische Gründe dagegen. Das kann sein, die Indikation stimmt nicht oder das Angebot stimmt nicht oder aber es ist eine Einrichtung, die wir aus Qualitätssicherungsgründen nicht belegen. Also wenn die Qualität zu schlecht ist, dann gibt es mal Einrichtungen, die wir nicht belegen wollen.

Wie komplex ist dieser Antrag eigentlich?

Also das Dokument ist leider mehrseitig. Wir arbeiten auch daran, das zu vereinfachen, zu optimieren. Wir haben auch die Möglichkeit, quasi übers Internet Anträge zu stellen. Das können Sie gern auch auf unserer Website anschauen. Aber da muss ich schon ein bisschen selbstkritisch sein. Das ist ein bisschen kompliziert noch im Moment, das haben wir aber wahrgenommen und auf unserer Agenda, das auf jeden Fall deutlich zu vereinfachen in Zukunft. Und auch da können Sie gern Beratung nachfragen, wenn Sie mit dem Antrag nicht zurechtkommen.

Werde ich im Online-Antrag Schritt für Schritt durch die einzelnen Punkte geführt?

Genau. Also das ist ein elektronischer Antrag auf Rehabilitationsleistungen und da werden Sie eben durch den ganzen Antrag auf der Website durchgeführt. Und wenn Sie da Probleme haben, gibt es auch hier wieder die Möglichkeit, Beratung einzuholen, damit Sie da eben letztendlich auch den Antrag so abgeben können, als ob Sie ihn als Papier abgegeben hätten.

Die Landeskrebsgesellschaften, unterstützen die mich beispielsweise auch noch zusätzlich bei so einem Antrag?

Aus meiner Sicht kann man alles, was es in Deutschland an Angeboten gibt, kann man nutzen. Also zum Einen beraten, wie gesagt, die Rentenversicherungsträger selbst zu diesem Thema. Die Krankenversicherungen beraten zu dem Thema. Die Krebsberatungsstellen beraten zu diesem Thema. Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation berät zu diesem Thema. Und da möchte ich auch alle wirklich ausdrücklich ermuntern, alles an Beratung und Unterstützung wahrzunehmen, was es so gibt. Es ist unter Umständen manchmal ein bisschen mühsam, aber es wäre einfach schade, wenn Sie dann eine Leistung nicht bekommen, weil Sie zu früh aufgeben. Also meine ausdrückliche Empfehlung, sich zum Beispiel eben an die spezifisch auch ausgebildeten und kompetenten Krebsberatungsstellen zu wenden.

Was hat es ambulanter, stationärer und flexibler Reha auf sich?

Grundsätzlich von den Rehabilitationsleistungen, die angeboten werden, sind die Pakete gleich, ja? Sie haben eben in der stationären Rehabilitation noch die Übernachtung und die ganzen Dinge, die mit der Ernährung zu tun haben, als Bestandteil der Rehabilitation. Die ganztägig ambulante hat dagegen genau das gleiche therapeutische Angebot, aber die Übernachtung fällt weg. Das kann spezifisch auf die Bedarfe zugeschnitten werden. Wir haben Betroffene, die sind entweder zum Beispiel allein zuhause und sind noch stark geschwächt. Für die wäre eine stationäre Rehabilitation viel, viel besser, als wenn sie zuhause sich noch selber versorgen müssten. Das heißt, da wäre auf jeden Fall auch die Empfehlung, die wir geben würden, zumindest für die Phase, wo jemand noch nicht gut aufgebaut ist, körperlich und meist auch psychisch, eine stationäre Rehabilitation durchzuführen. Wenn ich aber schon wirklich gut aufgestellt bin, oder relativ gut aufgestellt bin, dann bietet die ganztägig ambulante im Gegensatz dazu die Möglichkeit, das, was ich lerne, schon direkt im Alltag auszuprobieren, ja? Und zu gucken, wie kann ich jetzt quasi meinen Alltag so gestalten mit den Werkzeugen, die mir die Reha an die Hand gibt, dass ich tatsächlich sagen kann: „Ja, das kann ich gut bewältigen.“ Oder vielleicht jetzt noch nicht so, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich damit eben jetzt in eine Situation komme, dass ich sage: „Ich kann wieder arbeiten. Ich traue mir das zu.“ Und das finde ich zum Beispiel einen ganz wunderbaren Aspekt von der ganztägig ambulanten, dass ich halt in meinem Umfeld das schon ausprobieren kann, wie weit kann ich gehen? Und wenn es noch nicht so klappt, dann nehme ich das zurück in die Reha und sage: „Hier habe ich noch eine Schwierigkeit. Was können wir noch vielleicht modifizieren, damit ich klarkomme?“. Und die Flexibilisierung ist etwas, was wir generell in der Rehabilitation quasi für die Zukunft uns vorgenommen haben, dass wir die Leistungen noch stärker auf die Individuen sozusagen zuschneiden können und dann eben unterschiedliche Module ausgestalten, die wir dann quasi miteinander kombinieren können. Also ein stationäres Modul könnte man sich zum Beispiel vorstellen zum Einstig für eine intensive, für einen intensiven Aufbau erst mal und danach gelagert ganztägig ambulante Module, die dann noch mal Bezug nehmen, noch mal auffrischen und schauen, wo stehe ich gerade? Habe ich wirklich die Dinge schon gut in den Alltag integrieren können, oder wo brauche ich vielleicht noch mal ein bisschen eine neue Idee, oder ein bisschen Unterstützung, weil ich den Twist vielleicht noch nicht so rausgekriegt habe.

Wer kommt für die Kosten bei so einer Reha auf?

Also die Kosten für eine Rehabilitation werden vom Rentenversicherungsträger getragen, vollständig. Bei der Rentenversicherung gibt es keine Zuzahlung. Wer bei der Rentenversicherung die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen erfüllt, bekommt eine Reha-Leistung ohne Wenn und Aber.

Wie schnell kann ich eine weitere Reha beantragen?

Also es ist grundsätzlich so, dass vier Jahre Wartezeit gelten letztendlich. Es ist aber immer so, sobald eben medizinisch neue Sachverhalte auftreten, wenn da eben deutlich gemacht werden kann, durch den behandelnden Arzt, hier besteht wieder ein Reha-Bedarf, dann kann das auch in kürzerer Frist erfolgen. Und wie gesagt, da würde ich auch gern dazu ermuntern, wenn Sie eben feststellen, es ist so, dass Sie für bestimmte Aspekte noch mal eine Rehabilitationsleistung in Anspruch nehmen könnten, um sich gut aufzustellen für Ihren Alltag, für Ihr Erwerbsleben, dann bearbeiten Sie gemeinsam mit Ihrem behandelnden Arzt idealerweise den Antrag. Machen deutlich, das ist ganz wichtig, damit Sie eben im Erwerbsleben verbleiben können, dass Sie jetzt noch mal eine Rehabilitationsleistung durchführen können, und dann geht es nach unseren Regularien auf jeden Fall auch, dass Sie schon früher eine zweite Rehabilitation oder eine nächste Rehabilitation durchführen können.

Was würden Sie denn “Reha-Gegnern” sagen, also Menschen, die Vorbehalte gegenüber Rehabilitationsmaßnahmen haben?

Aus meiner Sicht ist die Rehabilitation eine unglaublich wunderbare Chance, wirklich zu schauen, wo stehe ich gerade in meinem Leben und wo kann ich mich einfach besser aufstellen, körperlich, psychisch und auch in meiner gesamten Rolle, die jetzt auch zum Beispiel die Erwerbsfähigkeit und die Erwerbstätigkeit umfasst. Das ist unglaublich sinnstiftend und diese Verbindung all dieser Elemente, das biopsychosoziale Verständnis von Gesundheit und Krankheit, ist ein unglaublich tolles Angebot, aus dem ich mir ja letztendlich auch wählen kann, was möchte ich für mich integrieren, wo möchte ich intensiv einsteigen? Und habe damit wirklich die Chance, ein neues Verhalten einzuüben, meinen Lebensstil zu optimieren, und in so günstigen Rahmenbedingungen wie in der Rehabilitation, das bekommen wir sonst im Alltag einfach nur sehr, sehr, sehr viel schwerer gebacken, sage ich mal. Und deswegen glaube ich, das ist eine großartige Chance. Wer sie nicht wahrnehmen möchte, zu dem sage ich: Selbst schuld. Es ist schade drum.

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